Donnerstag, 18. Mai 2017

Das Testament Jesu. Und Fatima

Warum soll ich mich der Muttergottes weihen? Warum ist die Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariens und die Weihe an dieses Herz so wesentlich in der Fatimabotschaft? Warum gilt sie als Rettungsanker, als Heilmittel für die letzten Zeiten? Wo gibt es eine Grundlage für diese Verehrung in der Heiligen Schrift?

Diese Fragen stellte mir einst ein junger Mann. Er stellte sie nicht leichtfertig, auch nicht um zu provozieren. Er stellte sie, weil er nach einer sinnvollen Antwort suchte.

Ja, warum ist die »Andacht zu Meinem Unbefleckten Herzen«, wie die Muttergottes in der dritten Erscheinung am 13. Juli 1917 sagt, so heilsbedeutend? Die Antwort, wie mir scheint, ist durchaus in der Heiligen Schrift verankert.

Die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz sind bekannt. Sie sind gleichsam das Testament Jesu. Eines dieser Worte, im Johannesevangelium überliefert (19,25ff), lautet: Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 

Der Jünger, den Jesus liebte – mit diesem Jünger sind gleichsam alle gemeint, welche die Nachfolge Jesu leben wollen. Und diese haben es wie Johannes zu machen: Sie haben Maria, die Frau unter dem Kreuz, zu sich zu nehmen.

Im Griechischen heißt es: Johannes nahm Maria eis ta idia. Wörtlich müßte man übersetzen: Johannes nahm Maria in sein Eigenes auf. Damit ist mehr gemeint, als daß er die Muttergottes in seine Wohnung aufnahm. Der Evangelist will ausdrücken, daß der Lieblingsjünger Jesu Maria in seine Herzmitte aufnahm, in sein Innerstes. Was aber meint dies anderes, als daß sich der Apostel Johannes Maria ganz anvertraute, mit anderen Worten: Sich ihr weihte?

Johannes erfüllt damit den Auftrag Jesu. Und wenn 1900 Jahre später, in einem winzigen Dorf in Portugal, dieselbe Muttergottes, die unter dem Kreuz stand, von der Andacht und der Weihe an ihr Unbeflecktes Herz spricht, die – wie sie selbst sagt – »Gott will«, dann ist dies die Aktualisierung des Testaments Jesu in unsere Jetztzeit hinein. Und allem Anschein nach brauchen wir diese Gegenwärtigsetzung der Kreuzesstunde Jesu und seiner testamentarischen Verfügung um so dringender, weil wir auf die zentralen Geheimnisse des Glaubens mehr und mehr vergessen.

»Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen. Um sie zu retten, will Gott die Andacht zu meinem Unbefleckten Herzen in der Welt begründen« (13. Juli 1917). Die Botschaft von Fatima wiederholt denselben Ernst und dieselbe Frohe Botschaft, die im Evangelium zu vernehmen sind. Kreuz und Erlösung, Hölle und Rettung. Und wieder ergeht der Ruf an jeden Einzelnen von uns: Siehe, deine Mutter. Und die Mutter wartet darauf, daß wir sie in unser Innerstes aufnehmen – wie Papst Franziskus, der sein Pontifikat Unserer Lieben Frau von Fatima weihte.

Oder in den Worten einer großem Mystikerin des 20. Jahrhunderts – Marthe Robin - , welche die Weisung Jesu radikal beherzigte:
»Gehen wir also zu Maria, denn sie ist unsere Mutter, die Mutter eines jeden von uns! Gehen wir zu ihr, denn sie ist die universelle Mittlerin zwischen Gott und uns. Ach, wüßten wir uns doch ganz klein zu machen! Würden wir doch unsere Blicke und unsere Herzen ihr zuwenden, die uns so sehr liebt!«


Mittwoch, 10. Mai 2017

Erfüllte Zeit


»Der Tod bleibt sich immer gleich, doch jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod.« So der programmatische erste Satz in Carson McCullers letztem Roman Uhr ohne Zeiger.

Die Person, die dieses Urteil trifft und die sodann über 400 Seiten lang stirbt, heißt nicht umsonst Malone, denn mitzuhören ist: I am alone. Malone ist im Grunde, wie jede der Figuren in Carson McCullers Südstaatenstädtchen, ein Vereinzelter. Als er seinen letzten Atem tut, ist gerade die Frau in die Küche gegangen, um eiskaltes Wasser ohne Eis zu holen. Der Tod ist ein Einzelgänger, wie alles in diesem Nest Milan in Georgia.

Insofern hält der Roman, was er eingangs verspricht. Eine andere Frage ist, ob dieses Versprechen wahr ist? Sind die Menschen tatsächlich so, wie sie McCullers darstellt? Sind sie letztlich bloße Monaden, deren Wege sich, warum auch immer, bisweilen kreuzen, aber diese Kreuzungen sind weiß Gott keine Berührungen, oder wenn Berührungen, dann sorgt McCullers dafür, daß diese Momente der Nähe schonungslos in die Brüche gehen.

Denn das ist das eigentlich Verstörende an diesem Werk: die Kühle der Autorin. Ein alter, seniler, skurriler Richter wird seziert, als sei McCullers dessen erbarmungslose Entomologin. Sherman, der von Haß und Selbsthaß zerfressene farbige Junge wird pfeilgerade in den Untergang bugsiert. Malone, der Todeskandidat, wird belanglos eingeführt und belanglos entlassen. Nichts Neues unter der Sonne.

Was bleibt, wenn jeder seinen eigenen Tod stirbt? Sagen wir es geradeheraus: Dann bleibt gar nichts. Und tatsächlich bleibt in Uhr ohne Zeiger nichts. Der Titel sagt es ja auch schon: Diese Uhr ist defekt, oder vielmehr, diese Uhr ist keine Uhr, sie ist ein Symbol des Nichts. Und dieses Nichts verschlingt irgendwann alles. Der Nächste im mitleidlosen Abgrund wird der übergewichtige Richter sein, sein Apoplex ist nur mehr eine Frage von Stunden. Aber auch das ist letztlich belanglos, denn wen wird's kümmern in einer Welt, in der es Stunden eigentlich nicht mehr gibt, da es keine Uhrzeiger gibt?

Der Roman erschien 1961. Seitdem ist mehr als ein halbes Jahrhundert verstrichen. Und vermutlich werden die Meisten, wenn sie denn McCullers lesen, ihre Diagnose bejahen. Ja, Atome, brütende Egos in ihren Kokons, »Zigeuner am Rande des Universums (...), das für seine (des Menschen) Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen« (Jacques Monod), das sind wir.

Nein, das sind wir nicht. Oder vielmehr, wir sind es genau dann, wenn wir die Urbeziehung kappen, die Beziehung zu unserem Schöpfer.

Malone, kurz vor seinem Ende, beginnt plötzlich über seine unsterbliche Seele zu räsonnieren. Könnte es sein, daß es diese unsterbliche Seele gibt? Und wenn ja, was geschieht mit ihr?

Ein protestantischer Pastor wird‘s wohl wissen. Also macht sich Malone auf zu ihm und fragt ihn. Doch es ist symptomatisch für die Krise der totalen Einsamkeit, daß der Pastor genauso ratlos ist wie sein Fragesteller. Die Frage nach der unsterblichen Seele versandet in banalen, nichtssagenden Allerweltsfloskeln. Und um dem absurden Theater die höhnische Krone aufzusetzen, entläßt der Pastor sein Schäfchen mit den Worten: »Ich freue mich, daß Sie vorbeigekommen sind. Meine Pfarrkinder sind mir jederzeit willkommen, wenn sie über spirituelle Fragen sprechen wollen.«

McCullers, wie man sieht, leistet ganze Arbeit. Es darf kein Halt bleiben. Kein Trost. Kein Angelpunkt, kein noch so zarter Ariadnefaden, der aus dem Nichts hinausführen könnte. Die unsterbliche Seele bleibt als kurioses Lexem in der Luft hängen, gleichfalls allein.

Aber wie gesagt, das ist die verzweifelte Perspektive des Mädchens mit den großen Augen, das Carson McCullers heißt. Der Apostel Paulus hat keinen Roman geschrieben, lediglich Briefe. Aber Paulus kommt zu einem ganz ganz anderen Resultat.

Im Römerbrief schreibt er: »Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn« (14, 7f).

Das schreibt kein frommer Blinder, sondern ein Sehender. Einer, der zu dem lebendigen Gott gefunden hat. Wenn dies geschieht – gleich ob durch einen Sturz vor Damaskus oder durch eine große Liebe oder durch eine wahre Lektüre - , dann ändert sich alles, auch die Einkapselung. Dann ist der Schmetterling frei. Der Kokon liegt hinter einem. Dann beginnen die Berührungen. Die Beziehungen, die echten. Mitten im Universum. Denn dann hat die Uhr Zeiger und die Zeit ist erfüllt.

Grafik: https://unsplash.com/@fabryv

Freitag, 5. Mai 2017

Lumen Christi. Und das Mikrophon


»Es war kurz nach der Erneuerung der Osternacht durch Papst Pius XII. Im Münsteraner Dom zelebrierte der Dompropst die Zeremonien der Feuerweihe vor dem Tor des Doms und des feierlichen Einzugs der Osterkerze in die Kirche. Ich war mit vielen Gläubigen in der Kirche geblieben und erwartete in der Stille des dunklen Kirchenschiffs den Einzug mit dem dreimaligen Gesang des Lumen Christi.

Aber die Stille wurde beendet durch einen Lautsprecher, der die Gebete des Priesters am Feuer draußen in den Innenraum übertrug. Ich war schockiert und schrieb dem Dompropst, daß es in dieser Zeremonie eben ein Drinnen und ein Draußen gibt und daß es dem Gesit der Liturgie ganz zuwider sei, räumliche Unterschiede, die zugleich symbolischen Charakter haben, durch einen Lautsprecher zum Verschwinden zu bringen. Es sei auch überhaupt nicht nötig, daß jeder alles, was irgendwo im Rahmen der Liturgie gesprochen wird, auch am anderen Ende des Gotteshauses lückenlos hört.

Der Propst, der berühmte Domprediger Donders, eine verehrungswürdige Gestalt, antwortete mir, mein Einwand habe ihn überzeugt und er werde künftig den Einsatz des Mikrophons während dieser Feier unterlassen.«

Aus: Robert Spaemann, Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen, Stuttgart 2012, 57 - ein Beispiel, so Spaemann, »für den mich bedrückenden Einbruch der virtuellen Welt und der schleichenden Virtualisierung der realen (...)«

Am heutigen Tag wird Robert Spaemann 90. Wir gratulieren.

Grafik: https://unsplash.com/@cgreiter, st peters basilica citta del vaticano vatican city

Freitag, 28. April 2017

Das Urlicht


Ostern ist das Fest des Lebens. Darum ist es auch das Fest des Lichts. Sei es in den biblischen Berichten, sei es in der Liturgie der katholischen Kirche: Das Osterlicht als Fanal des Lebens ist prägend.

In der Osternacht wird das siegreiche Licht der Osterkerze mit dem dreimaligen Ruf Lumen Christi in den dunklen Kirchenraum getragen. Johannes, der Apostel und Evangelist, schreibt von der dritten Erscheinung des Auferstandenen am See von Tiberias, und sie ereignet sich bezeichnenderweise im anbrechenden Morgenlicht des neuen Tages.

Leben und Licht. Licht und Leben.

Es ist nur folgerichtig, daß die Kunst diesen Einklang aufspürt und weiterreicht, so etwa Mahlers zweite Symphonie, die sogenannte Auferstehungssymphonie. Im ekstatischen letzten Satz des fünfsätzigen Werks heißt es: Sterben werd’ ich, um zu leben! Auferstehen, ja auferstehen wirst du, mein Herz, in einem Nu!

Vorausgegangen ist im vierten Satz die berühmte Vertonung aus Des Knaben Wunderhorn mit dem Titel Das Urlicht. Der Text des Volksliedes ist rührend und einfach zugleich:
O Röschen roth!
Der Mensch liegt in größter Noth,
Der Mensch liegt in größter Pein,
Je lieber möcht ich im Himmel seyn.
Da kam ich auf einen breiten Weg,
Da kam ein Engellein und wollt mich abweisen,
Ach nein, ich ließ mich nicht abweisen.
Ich bin von Gott, ich will wieder zu Gott,
Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben,
Wird leuchten mir bis in das ewig selig Leben.
Das unauslöschliche Licht weist den Weg. Der Weg führt zum Ursprung des Lebens, zu Gott selbst. Und genauso geschieht die Heilung der kranken Endlichkeit.

Daß diese heilsamen Zusammenhänge keine theoretischen sind, sondern sehr praktisch wirksame, kann man an folgender wahren Begebenheit ersehen, die Johannes Bours erzählt:

Ein Mann liegt krank im Spital. Sein Zustand verschlechtert sich von Tag zu Tag, ohne daß die Ärzte ein Vademecum wüßten, welches aus der Krise, die allmählich lebensbedrohlich wird, hinausführte. In dieser Situation des Siechen geschieht unverhofft die Wende. Jemand schenkt dem Kranken eine Schallplatte mit Vertonungen aus Des Knaben Wunderhorn. Der Sieche, zu schwach, um sich viele Gesänge anzuhören, konzentriert sich letztlich auf ein Lied, Das Urlicht, in Mahlers Vertonung. Und jetzt, jetzt, lösen sich die Tränen. Jetzt, jetzt, beginnt das Aufwärts, die schrittweise Genesung, die tatsächliche Auferstehung.

Leben und Licht. Licht und Leben. Geheimnis und Geschenk der Auferstehung.



Freitag, 21. April 2017

Lumen Christi

Er ist der Sänger der Herrlichkeit.

Nach seinen eigenen Worten schöpfte er »aus den nie versiegenden Quellen der Bibel, des Meßbuchs, der Kirchenväter, der Imitatio Christi (Nachfolge Christi)«.

Und da das Licht des Schöpfungsmorgens für den, der geöffnete Sinne hat, weiterhin leuchtet, findet er die Herrlichkeit des Kosmos überall: In den Steinen, den Bergen, den Sternen, den Rgenbögen und auch den Vogelstimmen, die er, als ausgewiesener Ornithologe, in seinem Wek immer wieder zu Wort kommen läßt: etwa die Rotkehlchen oder die Seidensänger oder die Mönchsgrasmücke.

Er ist noch ein Kind, als ihn seine Eltern eines Tages in die Sainte Chapelle in Paris mitnehmen, die wegen ihrer herrlichen Glasfenster weltberühmt ist. Der kleine Olivier ist überwältigt, ergriffen von den Lichtspielen in den Fensterscheiben. Diese Ergriffenheit verläßt Messiaen nie mehr. Und seine Töne sind seine bescheidenen Mittel, die Farben der himmlischen Stadt zu besingen.

»All dies Geblendetsein«, so er, »ist eine große Lektion. Es zeigt uns, daß Gott jenseits von Worten, Gedanken und Konzepten ist (…) Und wenn die musikalische Malerei und die farbige Musik, die Klangfarbe Ihn preisen, überwältigt durch das Licht, stimmen sie in den herrlichen Lobpreis des Gloria ein, der zu Gott und Christus sagt: Du allein bist heilig. Du allein der Höchste.«

Wen könnte es bei soviel Hingerissensein in das unaustrinkbare Licht der göttlichen Geheimnisse noch wundern, daß Olivier Messiaen trunken ist vom Licht des Ostermorgens und also auch von Grünewalds Darstellung des triumphierenden Auferstandenen?
»Was hat Matthias Grünewald gemacht, als er auf seinem Isenheimer Altar die Auferstehung Christi malen wollte? Mein Vater, ich bin auferstanden, ich bin wieder bei Dir! Dieser Triumph- und Freudenschrei ist in dem majestätisch erleuchteten Antlitz, in der dem Flug der Arme und Beine entgegengesetzten Statik der Arme, in den außergewöhnlichen Falten des Leintuchs, im stürmischen Wind und in der Sternennacht, aber er ist vor allem im Regenbogen, im blaugrünen, roten und goldenen Kreis, der von der Gestalt Christi her zu entstehen und dessen Widerschein das ganze Gewand zu durchleuchten scheint. Dieses Licht ist es, von dem Johannes spricht: Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen.«

Messiaens kontemplative Auferstehungsbegeisterung kann man hören. Zum Beispiel hier: Et expecto resurrectionem mortuorum (1964)

Freitag, 14. April 2017

O Dio, pazzo d‘amore!

Die hl. Caterina von Siena, Kirchenlehrerin und Patronin Europas, hat eines Tages Jesus gefragt:  
Du warst tot, als man Deine Seite öffnete; warum wolltest du geschlagen werden und ein zerbrochenes Herz haben?

Man hatte Ihn gekreuzigt. Sie hatten endlich erreicht, was sie wollten, sie hatten Jesus mundtot gemacht, umgebracht – warum öffnete man dem Toten auch noch das Herz?

Jesus hat der heiligen Catarina die folgende Antwort gegeben:
»Weil meine Sehnsucht nach dem Menschen unendlich war, das tatsächliche Erdulden der Schmerzen und Qualen war jedoch endlich; und durch diese endliche Beschaffenheit konnte ich euch nicht zeigen, mit welch unendlicher Liebe ich euch liebte, denn meine Liebe war unendlich. Darum wollte ich, daß ihr das Geheimnis meines Herzens seht, indem ich es euch offen zeigte, damit ihr sehen solltet, daß ich euch mehr liebte, als es ein endliches Leiden zu zeigen vermag.«

Dieser unendlichen Liebe antwortet schließlich Caterina mit ihrem ekstatischen Ruf: O Dio, pazzo d‘amore! (O Du Narr der Liebe!).

Denn diese Liebe ist verrückt. Sie ist ein Abgrund, der nach dem Abgrund der Antwort ruft. Sie sprengt unser Begreifen.

Diese Verrücktheit der Liebe Jesu wahrzunehmen, bedeutet, bei Seinem Herzen angelangt zu sein. Denn dort, in diesem Glutofen, dem Licht über allem Licht, der Schönheit über aller Schönheit, der Weisheit über jeder Weisheit, bekommt man eine Ahnung der Liebe, die bis zum Äußersten geht, wie es im Johannesevangelium heißt (13,1). Dort bekommen wir eine Ahnung davon, was Barmherzigkeit ist. Was der Karfreitag ist.

Grafik: Odilon Redon, Le Christ au sacre coeur

Freitag, 7. April 2017

Der fünfte Zahn


Mors et vita duello, so heißt es in der dritten Strophe der ehrwürdigen, über 1000 Jahre alten Ostersequenz Victimae paschalis laudae: Tod und Leben lagen im Streit.

Damit ist nicht gemeint, wie ein gängiges Cliché meint, daß hier zwei gleichberechtigte Gegner sich duellierend gegenüberstanden: hier Christus, dort der Widersacher. Es gehört vielmehr zur Hybris des Widersachers, überhaupt auch nur zu wähnen, er könne Christus, das Leben, auslöschen.

Ostern zeigt, daß der Widersacher der Besiegte ist, auf immer, und daß seine Zeit, wie es die Apokalypse des heiligen Johannes nennt, nur mehr eine kurze ist: »Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen, seine Wut ist groß, weil er weiß, daß ihm nur noch eine kurze Frist bleibt« (Offb 12,12).

Man kann das Ostergeschehen vielfach zu verstehen suchen, auch in einer gleichsam medizinischen Weise. Etwa so: Christus, der wahrnimmt, wie tödlich erkrankt die Menschheit in toto ist, stellt sich zur Verfügung, um dieser Menschheit das Antidot für deren tödliche Erkrankung zu erwirken. Er läßt sich den tödlichen Biß der Schlange verabreichen, um daraufhin in Seinem Leib das Heilmittel, die göttlichen Antikörper, zu schaffen.

Der Tod kommt damit an sein Ende. Und mehr noch: Auch der tödlich verwundete Mensch wird nun der Zugang zum Leben neu eröffnet, da er in Christus teilhaben kann am göttlichen Serum.

Michelangelo hat diesen göttlichen Tausch – Christus übernimmt den Tod, damit der Mensch das Leben gewinnt – auf seine Weise dargestellt. Die Pietà (siehe letzten Beitrag) ist ineins Darstellung des toten Christus im Schoß seiner Mutter wie auch Darstellung des Mysteriums der Todesüberwindung.

Ein winziges, jahrhundertelang übersehenes Detail offenbart den unendlichen Sieg Christi. Michelangelo verleiht dem toten Christus einen fünften Schneidezahn. In der christlichen Ikonographie ist diese anatomische Anomalie Zeichen der Sünde. Die Bedeutung entschlüsselt sich danach nahezu von selbst: Sterbend bringt Christus dem Tod den Tod. Der göttliche Sohn nimmt den Tod, den überschüssigen Zahn der Sünde, in sich auf, ER verschlingt wortwörtlich die Sünde und gibt so dem Tod den endgültigen Todesstoß.

Mors et Vita duello
Conflixere mirando;
Dux vitae mortuus
Regnat vivus.

Tod und Leben rangen
in wundersamem Zweikampf.
Der Fürst des Lebens, gestorben,
herrscht lebend.

Grafik: Pietà, 1498-1499, particolare dei denti. Città del Vaticano, Cappella della Pietà. (courtesy Fabbrica di San Pietro, foto M. Falcioni): http://ilgiornaledellarte.com/articoli/2014/12/122348.html
Literatur: Marco Bussagli, I denti di Michelangelo, 2014.

Freitag, 31. März 2017

Der Marmorstaub

Wer kennt sie nicht?

In Stein gemeißelt in neunmonatiger Arbeit von einem gerade mal Mittzwanziger: Michelangelos erste Pietà, die ihren Platz im Petersdom zu Rom gefunden hat.

Die Legende berichtet Folgendes: Eines Tages habe Michelangelo mitbekommen, wie Betrachter der Pietà dieses überragende Werk einem anderen Künstler zuschrieben. Daraufhin sei Michelangelo des Nachts in den Petersdom und habe, ausgestattet mit Laterne und Meißel, nachträglich das berühmte Schriftband gemeißelt, welches schärpengleich die Brust der Madonna ziert und mit einer Signatur den wahren Urheber des Werks angibt.

Doch die Legende berichtet noch etwas. Eine Nonne habe den nächtlich arbeitenden Michelangelo bei eben dieser Arbeit entdeckt. Die Ordensschwester sei zunächst erschrocken gewesen. Wer ist dieser Fremde in der Kapelle? Aber bald erkennt die Schwester, daß es der Künstler selbst ist, der dort, am Altar der Seitenkapelle, letzte Hand an sein Werk legt.

Die Nonne drückt dem Künstler ihre Bewunderung aus und bittet schließlich Michelangelo, etwas von dem Marmorstaub mitnehmen zu dürfen, der beim Meißeln auf den Leib des Herrn niedergerieselt ist. Michelangelo ist einverstanden. Und mehr als das. Er ist getroffen. Er gibt der Nonne von dem Staub …

Vielleicht sagen solche kleinen Geschichten mehr als riesige Abhandlungen darüber aus, was Kunst tatsächlich ist, wenn sie ihrer Aufgabe gerecht wird. Sie ist splendor veritatis, Glanz der Wahrheit. Und da die Wahrheit ineins geht mit dem Guten und dem Schönen, ist große Kunst zugleich Glanz der Schönheit und Güte. Dieser Glanz zeigt sich, noch bei nächtlichem Licht.

Die Bewunderung der Ordensschwester für die Pietà berührt. Ihr genügen letztlich ein paar Partikel Staubs. Gleichsam die künstlerischen Reliquien, in denen mikroskopisch winzig ein symbolischer Abglanz des großen Glanzes sich spiegelt.

Die sogenannten aufgeklärten Zeitgenossen mögen diese rührende Devotion belächeln. Aber da ist nichts Ridiküles. Wohl aber kommt in der Sehnsucht der Nonne die tiefe Sehnsucht des Menschen nach dem Schönen zum Ausdruck, selbst wenn diese Sehnsucht sich mit Winzigkeiten begnügen muß, diese Sehnsucht, die Jahrhunderte später Dostojewski sagen läßt, daß die Schönheit die Welt retten wird.

Die Moderne oder auch Postmoderne oder auch Postpostmoderne trumpft auf mit dem Häßlichen, das sich unverstellt als das Dominierende aufbläht, dabei meist liiert mit den Epiphänomenen des Lauten, des Obszönen und des Schrillen.

Das Schöne ist anders. Es bedarf nicht der Sensation, auch nicht der Publicity oder der lauten Marketingstrategien. Es ist diskret. Es ist im Marmorstaub, der über sich hinausweist. Es ist im Werk, das über sich hinausweist. Wer es fassen kann, wird es fassen. Und jeder, der diesem Schönen begegnet, geht als ein Verwandelter weiter.

Aber zur Wahrnehmung dieses Schönen gehört, daß wir unsere Augen reinigen lassen.

Die Madonna der römischen Pietà kann uns dabei helfen. Denn die beste Schule der Reinheit ist die marianische. Diese Reinheit ist ewig jung. Darum auch ist Marias Antlitz in Michelangelos Pietà das ewig junge der Immaculata.